Toskana – Seggiano

Spoerri Skulpturengarten an den Hängen des Monte Amiata

Mit einer Gruppe Schreibender verbringe ich eine Woche in der Toskana. »Schreiben in Künstlergärten« der Titel des Workshops.

Angekommen in Seggiano trennen sich die Kursteilnehmer nach dem Eingang. Jeder allein unterwegs, mit den eigenen Gedanken. Die Aufgabe, eine Skizze oder über ein Erlebnis schreiben. Was spricht mich an?

100 Kunstwerke von 50 Künstlern erwarten uns.

Ich gehe den Hauptweg entlang. Vorbei am Brunnen des Hermes. Lese nur die Titel auf den Schildern, lade mir keine weitere Erklärung auf mein Handy. Unvoreingenommenheit ist wichtig, damit Raum für die eigenen Gedanken bleibt.

Kurz dahinter folgt ein Riese. Aquaman, taufe ich ihn. Mit seinen Hydraulikrohren erinnert er an etwas anderes. Die Feuerwehrschläuche und ihre Kupplungen, aus einer längst vergangenen Zeit. Schmunzelnd gehe ich weiter.

Bronzeköpfe auf Marmorsäulen, gold und silber. Die positiven Planeten, gegenüber die negativen, von der Künstlerin als menschliche Schwächen bezeichnet. Die Venus sticht für mich heraus, bewebt von einer Spinne. Ruhe im Unwirklichen. Und beim nächsten Gebilde empfinde ich genau das Gegenteil. 

Lanzen, die sich einander zuneigen, auf Pferdeköpfen montiert, von riesigen Handschuhen gehalten, stellen Einhörner dar. Ich fasse es nicht! Das Rondell symbolisiert den Nabel der Welt – der Legende nach lag hier einst der jetzt gegenüberliegende Ort Seggiano.

Wieder kein Kunstwerk, das mich zum Verweilen und Schreiben einlädt. Makabre Gebilde, es wird noch schlimmer.

Eine Schar Gänse angetrieben von drei riesigen Trommlern. In panischer  Flucht, zu Tode gedrängt.

Unter einem Baum finde ich den Jungen, der eine Gans im Arm hält, sie vor dem Untergang rettet. Ein tröstliches Bild.

Mit diesem Gedanken drehe ich um.

Über was soll ich hier nur schreiben. Ich gehe zurück und suche weiter. Finde die Krieger der Nacht, Fleischwölfe in einem Teich, ein Weckruf für ironischen Humor.

Und dort, im Hintergrund sehe ich es – das Labyrinth.

Sofort ist klar, jetzt bin ich angekommen.

Ich erkunde die Steinwege und setze mich auf die oberste Windung am Waldrand.

Geschützt von den angrenzenden Bäumen blicke ich abwärts über die Linien. Wie versteinerte Schlangen bilden sie das Konstrukt des Künstlers.

Jetzt schreibe ich!

Vogelgezwitscher untermalt meine Gedankengänge über Irrungen, Unterwegssein, Lebenswege.

Ein leichter Windhauch streichelt meine nackten Füße.

Ich zeichne die Struktur der Wege in mein Notizbuch, um sie besser fassen zu können.

Der Blick haftet an einer Verzweigung, die für mich nichts mit einem Labyrinth zu tun hat. Unten enden zwei Wege beidseitig in drei Fingern.

Wie ein aufgespreisseltes Elektrokabel, dem die Ummantelung abgezogen wurde. Jeder Zweig allein. Sackgasse.

Diese Endungen, ruhig, nachdem der Strom sich entladen hat, wie im Leben, wenn der Schmerz oder die Wut verraucht ist.

Stille lässt Hinsehen zu. Wo stehe ich? Wie gehe ich weiter? Umdrehen und zurück auf den Hauptweg oder bleiben in der Erstarrung?

Aufgeben ist keine Option, eines meiner wichtigsten Mottos. Umkehr und Neubeginn. Das Labyrinth stellt eine Aufgabe, so erscheint es mir hier.

Mein Blick streift weiter über das Gelände, bleibt unten hängen.

Seit wann steht der Mann dort auf dem Podest, mit den Armen am Geländer abgestützt?

Blickt er in meine Richtung? Wer ist er?

»Plötzlich richtet er sich auf, hebt einen Arm und winkt mir zu.

Oh weh! Der Künstler? Ich sitze mitten auf seinem Werk. Ein Sakrileg!

Aus dem Augenwinkel sehe ich, er kommt durch das Labyrinth nach oben.

Was will er? Früher wäre ich davongelaufen, wie ein verschrecktes Kaninchen. Heute bleibe ich und warte ab

Er ruft, »Hallo, warten Sie!« Kommt schwer atmend näher.

»Ich beobachte sie eine ganze Weile. Es freut mich, dass mein Labyrinth zum intensiven Schreiben verleitet.«

Ich nicke ihm zu und warte weiter ab

Er streckt mir die Hand entgegen.

»Ich bin Daniel Spoerri«

Ich greife zu.«

Ich komme in die Realität zurück, blicke nach unten zu dem Podest, auf dem eine Nachbildung des Künstlers steht.

Meine Fantasie spielt mir einen Streich. Oder gibt mir einen Hinweis?

Jetzt winke ich ihm zu.

Packe meinen Rucksack und gehe nach unten. Stelle mich neben ihn und lege meine Hand auf seine Schulter. Nehme Kontakt auf.

Kontakt zu einem Mann, der im letzten November 94-Jährig in Wien verstorben ist. Seine Asche wurde hier in seinem Garten verstreut. Vielleicht genau von diesem Platz aus.

War es diese Nähe, die meine Fantasie wachrief?

Genau sehen und einfühlen. Zulassen, neugierig bleiben und annehmen, was immer mir begegnet.

Diese Erkenntnis nehme ich aus dem Künstlergarten von Daniel Spoerri mit.

Und eine Idee »Fotografie – Zeichnung – Text« bilden eine Symbiose