Ich suche für mein Schreibprojekt einen Handlungsort in den Bergen. Eines morgens träumte ich von einer Burgruine mit Torbogen, auf sattgrüner Wiese. Gibt es diese Ruine in der Realität? Im Internet entdecke ich ein Foto der Plainburg in Österreich. Mein Traumbild und die Plainburg decken sich.
Historisches: 1200 v. Chr. diente der Burgberg als keltischer Begräbnisort. Die Grafen Plain erbauten die Burg im 12. Jahrhundert. 1260 starben die beiden Grafen, Otto II. und Konrad III., beim Kampf gegen die Ungarn. Das Geschlecht erlosch im Mannesstamm. Das Erzbistum Salzburg wurde damals Eigner der Burg.

Mein Traum wird Realität. Jetzt stehe ich hier. Blicke von Großgmain aus nach oben. Über den herbstlichen Baumwipfeln recken sich die zackigen Mauern der Ruine in den Himmel. Die österreichische Flagge weht an einer Ecke. Berge und Wälder im Hintergrund verschwinden in den Wolken
Am nächsten Tage wandere ich durch den Wald aufwärts zur Ruine. Bin gespannt, was mich dort erwartet. Eine hölzerne Brücke führt zum Eingang. Meine Schritte hallen durchs Gelände. Ich bin allein hier.


Endlich, hinter dem Eingangstor liegt sie über mir. Ein Gemäuer aus einer andern Zeit. Alles scheint vertraut und bekannt, ist doch vollkommen fremd. Der Weg führt mich nach oben zum Torbogen. Die Strahlen der Mittagssonne wärmen mein Gesicht. Ich trete ins Innere. Fotografiere. Plötzlich schaltet die Kamera ab. Selbst der Ersatzakku haucht ihr keine Leben ein. Was geschieht hier? Warum verweigert sie ihren Dienst? Sie wandert in den Rucksack. Das Handy übernimmt ihre Aufgabe.

Irritiert blicke ich mich um. Ein großer Teil des Innenbereiches ist durch einen Zaun abgetrennt. Ein privater Garten? Mit der Geschichte des Ortes hat dieser sicher nichts gemein.
Neben dem Zaun erklimme ich die Treppen des Aussichtsbalkons. Trete an die Brüstung. Blicke fasziniert in die Weite und fühle mich geborgen, in einer Umarmung der Berge. Wolken bemalen den Himmel und vorwitzige Sonnenstrahlen kitzeln das Gesicht der steinernen Agnes.



Mein Blick wandert nach unten, zum Ort Großgmain.


Heute Vormittag fotografiere ich im Marienheilgarten und treffe auf einen Mann. Wir stehen uns im Weg, nicht nur einmal. Ein Gespräch entwickelt sich, wird vertrauensvoll. Wir vergessen die Zeit. Er strahlt Offenheit, Klarheit und Achtsamkeit aus. Dies spiegelt sich in mir. Ich erzähle von meiner geplanten Wanderung zur Plainburg. Spontan sagt er: »Ich bringe dich mit dem Auto hinauf.« Ich zögere keine Sekunde. Er dreht sich um, geht zu einer Bank und nimmt seinen Rucksack, daneben lehnt ein Holzstab. Augenblicklich verstehe ich, wer mir hier begegnet ist. Ein Druide! Wir stehen heute noch in Verbindung.

Ich kehre aus meinem Gedankenausflug zurück und trenne mich von der Aussicht. Die schrägstehende Nachmittagssonne lugt durch die Mauerscharten und zaubert Lichtfenster auf die Wiese. Grinsend ziehe ich an ihnen vorbei und verlasse die Ruine.



Unterhalb der Mauern raste ich auf einer Bank. Ordne schreibend meine Gedanken. Die Magie, die ich erhoffe, ist in der Burg nicht zu finden. An magischen Orten regen sich oftmals meine Emotionen. Hier bleibt es in mir still, ernüchternd leer. Die Umgebung und die Erinnerung an das Geschenk der Begegnung vom Vormittag entschädigen mich um ein vieles.
»Unterwegs, mit allen Sinnen offen, geschehen wertvolle Begegnungen und spannende Erlebnisse.«
