Ein Schreibseminar in der Lagunenstadt
Nach vielen Stunden im Zug kommen wir am Bahnhof Santa Lucia in Venedig an. Ich trete aus dem Bahnhofsgebäude, bleibe stehen. Hier auf den Stufen, die ersten Schritte in diese Stadt. Faszination, trotz der lärmenden Menschenmenge und der Erschöpfung. Der Canale Grande, schaukelnde Gondeln in Warteposition und die grüne Kuppel der Chiesa di San Simeon Piccolo. Wir steigen in das Vaporetto, Richtung Lido. Ich bleibe stehen. Alles aufnehmen, die sinkende Sonne über der Lagune, die Wellenbewegung. Sinnlich ankommen. An der Haltestelle Orto verlassen wir das Schiff. Ziehen unsere Koffer ratternd zur Unterkunft Casa Cardinal Piazza.

Venedig bei Nacht, mein erstes Foto. Spiegelnde Lichter, tiefblauer Abendhimmel im Kanal verdoppelt. Spannung und Lust auf mehr für die kommenden Tage.
Ein verheißungsvoller Eintritt in diese Stadt.
Am nächsten Morgen schlendere ich früh durch das Sestiere Cannaregio. Es ist still, auf den Kanälen wenig Verkehr. Plötzlich landet eine Möwe vor meinen Füßen, wirft ihre Beute auf das Pflaster und frühstückt genüsslich. Hat sie mich nicht gesehen, oder war der Hunger dringlicher? Ich lasse ihr die Zeit.

Langsam erwacht die Stadt. Kehrende Arbeiter, Müllabfuhrboote, Transportschiffe. Es ist erstaunlich sauber, trotz der Menschenmengen. Gehe weiter durch die Gassen zur Vaporettoanlegestelle Orto, mit Blick nach San Michele, der Toteninsel. Morgenstimmung über der Lagune.

Nach dem Frühstück beginnt unser Seminar mit dem Thema: »Erinnerung und Imagination«. Wir befassen uns mit der Theorie, dann erhält jeder eine Schreibaufgabe – der Zufall entscheidet.
Meine 1. Aufgabe: »Eine literarische Figur verlässt einen Krimi«.
Ich gehe durch die Gassen rund um das Hotel, lasse mich inspirieren. Ein Schmuckladen in einer Seitengasse, fast hätte ich ihn übersehen, wird zum Tatort. Eine kurze Geschichte nimmt ihren Lauf.
Wir treffen uns wieder im Hotel zum Textgespräch und erhalten einen neuen Auftrag.
Diese Vorgehensweise lässt mich Venedig mit anderen Augen sehen. Genauer hinsehen und beobachten.

2. Aufgabe: »Rialto – den Anschluss an die Reisegruppe verloren!«
Nachmittags schlendere ich über Brücken, durch Gassen in Richtung Canale Grande, besteige einen Wasserbus. Er legt am Haltepunkt Rialto an. Das Gitter öffnet sich kreischend. Alles drängt nach draußen. Aus Einzelnen wird ein wogender Pulk, der nur ein Ziel hat, Rialto. Mitgezogen, über Stufen aufwärts. Ich versuche, an den Rand zu gelangen, unmöglich. Die aufkommende Enge, wie eine Eisenklammer. Eine beginnende Panik. Ich umklammere den Gurt meiner Kameratasche, ziehe sie nach vorne. Puffer schaffen – Distanz. Lege den Kopf in den Nacken – oben ist Luft. Der Mob schiebt mich auf den Brückenkopf. Gibt mich frei. Ich stehe am Geländer, atme auf. Rialto scheint unter der Menschenlast zu ächzen.
Jetzt verstehe ich, wie es ist, im Gedränge den Anschluss zu verlieren.

Unten liegt das historische Handelshaus Fondaco die Tedeschi. Ich nehme die Kamera hoch, sehe durch den Sucher, zoome heran. Die Anlegestelle mit den blauen Holzstämmen. Die Arkaden verschwimmen. Vor meinen Augen taucht der jungen Albrecht Dürer auf, vertieft in ein Gespräch. Er sucht Kontakt, weit entfernt von der Heimat. Wer vermittelt ihm ein Treffen mit den venezianischen Meistern Gentile und Giovanni Bellini. Es ist das Jahr 1494, seine erste Italienreise.
Ich blinzle und komme zurück in die Gegenwart. Meine Fantasie spielt mir einen Streich.

Wieder im jetzt, beobachte ich den Verkehr unter mir auf dem Canale Grande. Das reibungslose Durchkommen erscheint mir wie ein Wunder. Vaporetti, Wassertaxi, Transportschiffe und Gondeln, viele Gondeln. Wild gestikulierende, schimpfende Gondolieri, von wegen Gesang. Eine laute Welt.

Zurück im Vaporetto fahre ich nach San Marco. Menschengedränge überall, kein Platz zum Verweilen. Ein Schreibplatz, aussichtslos. Ich gehe zurück ins Schiff und bleibe sitzen. Lasse die Stadt an mir vorüberziehen. Sightseeing der anderen Art!


Etwas Privatsphäre für Liebende – Gondel mit Kabine

Vorabendstimmung am Meer – gegenüber die Begräbnisinsel
3. Schreibauftrag:
»Eine fiktive Person verknüpft mit einer biografischen Sequenz, hier in Venedig.«

Ich suche einen Stadtteil mit weniger Touristen – Castello. Wandere durch die Gassen, ein Venezianer grüßt, »Buongiorno Senora«. Ich bin derart verblüfft, dass ich in Deutsch antworte. Die Begrüßung zeigt mir, ich bin unter Einheimischen.
Eine Ecke weiter stehen Künstler mit ihren Staffeleien und zwei Sprayer arbeiten an einer Hauswand auf einem Gerüst, vollkommen legal.


Eine Gasse öffnet sich, vor mir liegt ein kleiner Campo, gegenüber eine alte Kapelle. Ein abgedeckter Brunnen zeigt, wir haben erst April. Rote Holzbänke wahllos verteilt unter Olivenbäumen.
Hier lasse ich mich nieder, ein idealer Platz zum Schreiben. Vier Einheimische gesellen sich zu mir. Eingehüllt in ihr Gespräch – es stört nicht, da ich kein Wort verstehe – entsteht die Idee für eine weiterführende Geschichte, »Arthur«.
Ich verabschiede mich von den Venezianern, »Arrivederci«.
Eine Geschichte in der Tasche gehe ich zurück ins Hotel. Dieser Stadtteil hat mir eine andere Seite von Venedig gezeigt.

Mit einem Blick aus unserem Seminarraum auf den Kanal verabschiede ich mich von der Stadt.
»Ich komme wieder«.
